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Thüringens Gründerszene: Der Fliesentisch der deutschen Wirtschaft

03.03.2020
Autor: Yannik Rediske | Kombinat 01

 

Denkt man an Thüringer Innovationen, kommen einem wohl als erstes Luthers Thesen, Goethes Faust, die Weimarer Republik oder die Thüringer Rostbratwurst in den Sinn. Das oft als klein, ländlich und aktuell politisch eher fragwürdig in den Nachrichten erscheinende Land, behauptet jedoch neuerdings stolz von sich, auf dem Weg zum Gründerland Nummer eins zu sein.

 

„Thüringen entwickelt sich immer mehr zum Gründerland Nummer eins in Deutschland“ 
Wolfgang Tiefensee

 

Wie passt das zusammen? Ein Erklärungsversuch:

 

Aus politischer Sicht kann man wohl recht einfach zu dieser Annahme kommen. Thüringen tut viel, ist ein Land mit vielen Fördermöglichkeiten[1] und hat mit „bm|t“, „Thüringer Aufbaubank“, „ThEx“, „TRIP“, „STIFT“ und wie sie alle heißen, viele öffentliche Strukturen geschaffen. Strukturen, die, allerdings hinsichtlich der Nachhaltigkeit, fragwürdig sein können. Nicht immer, ganz zufällig sogar nur noch bis Ende 2020[2], kann man sich auf exorbitant hohe EU-Fördertöpfe verlassen, deren Logos mehrere der oben genannten Organisationen stolz auf ihrer Website präsentieren. Kosten- und Einnahmerechnung brachte man mir im ersten Universitätssemester, im Modul „Controlling“, bei. Mit einer kleinen Gegenüberstellung hätte man nicht mal in die Glaskugel schauen müssen die, anscheinend auch noch irrtümlicherweise, eine Nachhaltigkeit prophezeit hat. Liebe Steuerzahler, macht euch auf die Finanzierung öffentlicher Markt Verdränger gefasst…ich schweife ab.

Städte wie Jena, Weimar und auch das beschauliche Ilmenau, sind hier durchaus positiv zu pointieren[3], brillieren regelmäßig mit Erfolgsgeschichten und besitzen, aufgrund ihrer starken Hochschulstrukturen, ein großes Innovationspotential. Ein großes Potential, welches aber bei weitem nicht ausreichend Erfolgs-bringend genutzt wird[4]. Nur sporadisch verlässt man hier den Tellerrand der „alt bekannten“ Innovationsbranchen forschungsnaher Hochtechnologie (z.B. E-Commerce, Medien, Optik, Informatik etc.). Es gibt also eine riesige Blackbox voller vielversprechender Ideen, vor allem in den heute maßgeblichen Feldern der technologieorientierten Dienstleistungen und sozialer Innovation[5]. Die Sensibilisierung, Zentralisierung und das Matchmaking zwischen Akteuren und auch Gründungsinteressierten untereinander, fehlt jedoch abseits der mächtigen Flagship Events wie den Investor Days.

Hauptberuflich privatwirtschaftlich agierende Akteure der Gründungsförderung, (z.B. Acceleratoren oder Inkubatoren) gibt es in Thüringen konsequenterweise kaum. Öffentliche Angebote werden en masse offeriert. Ob das jetzt gut oder schlecht ist und wie realistisch diese Situation in einer kapitalistischen Marktwirtschaft ist, darf jeder gerne selbst beurteilen.

 

Normative Strukturen kannibalisieren Dynamik:

 

Was assoziiert man heute mit Startups? Tischkicker, Obstkörbe, loftartige Offices (am besten noch mit regelmäßigen Partys) und natürlich Kaffee und Mate satt. Zumindest das Letzte ist jedoch ein durchaus berechtigtes Klischee, denn ganz oben auf der Liste sollte Arbeit stehen.

 

Startups leben von dynamischen, flexiblen und somit marktorientierten Strukturen. Ebendies sind die Strukturen, mit denen etablierte Unternehmen oft nicht mithalten können und die Startups so erfolgreich machen. „Disruptive“ – eines meiner Lieblings- Buzzwörter im Startup Bullshit Bingo.

 

Disruption, Geschwindigkeit und Tischkicker sind auch die Assoziationen der adressierten Zielgruppe, stehen aber im krassen Gegensatz zu den vorhandenen Angeboten. So ist es durchaus möglich mit einer monatlichen Art „Gründerrente“[6] von 3000 Euro, ein Jahr lang unbehelligt die letzte Schraube seines Produktes rein und wieder raus zudrehen, bis es als „marktreif“ betrachtet wird. Das ist toll, aber Universen entfernt vom „next unicorn“, welches seine Liquidität durch Venture Capital, nur mit der Erreichung von erfolgsbasierten KPIs sicherstellen kann.  

 

Während sich in Berlin um Acceleratoren, Inkubatoren und Förderungen gerissen wird, was durchaus auch als natürliche Selektion betrachtet werden kann, gibt es in Thüringen konstruierte Verhältnisse. Diese fördern und behüten die wenigen Startups zwar optimal, leider fehlt aber in vielen Teilen ein Konkurrenzgedanke wie am Markt. Irgendwann gibt es keinen Papa Tiefensee mehr, der die Startups auf die „großen“ Veranstaltungen der Thüringer Szene trägt. Und ach ja: auch die bm|t strebt ganz gerne mal einen Exit an. 

 

Bitte versteht mich nicht falsch, man sollte niemals versuchen Berlin mit Thüringen zu vergleichen und auch dort läuft natürlich nicht alles wie im Silicon Valley, dem Garten Eden der Startup Szene. Aber eine Awareness für das Thema sowie ein Mut zum Gründen besteht dort auf jeden Fall.

 

Ein Mut der in Deutschland (dem Land, dessen Kultur zum Scheitern wohl nur noch der FC Bayern übertrifft) oft fehlt und gefühlt in Thüringen durch konservative Wirtschaftsstrukturen, leider noch besonders häufig unterdrückt wird. 
Und solange dieser da ist, ziehen immer noch viele der potentiellen Gründer oder Startups weg[7]. Weg nach Berlin…

 

Hier kann ich mich unseren Politikern wiederum nur anschließen: Bleibt hier! Langsam aber sicher bewegt sich was und ja die Bedingungen sind gerade zu Anfang (Fördergelder ahoi) nicht grundsätzlich schlecht.  Kurze Wege sowie ein engmaschiges Netzwerk sind zentral für frühen Erfolg und die gibt es hier. Ob Coworking Spaces, Veranstaltungen oder Kapital, durch die steigende Vernetzung und der erhöhten Wahrnehmung des allgemeinen Potentials, finden sich immer mehr Player zusammen, die für Startups langfristig spannende Bedingungen schaffen werden. Doch dies ist ein organisches Wachstum, kann und muss staatlich unterstützt werden, aber darf nicht in konstruierte Strukturen gegossen werden.

 

Sukzessiv halten also die Tischkicker, Obstkörbe und vielleicht bald sogar Tischtennisplatten Einzug in die Büros! 
Dotsource, Smartplace, Heyfair oder Enginsight machen es gerade vor und sind großartige Beispiele der Region, die inspirieren sowie sensibilisieren können.

 

Spinnen wir abschließend eine Parabel, so dürfen wir uns vielleicht bald über einen neuen Comic mit Thüringer Protagonisten freuen:

 

Wir befinden uns im Jahr 2020, ganz Thüringen ist von konservativen, fragmentierten Mittelständlern besetzt. Ganz Thüringen? Nein! Ein paar von aufständischen Startups bevölkerte Hochburgen hören nicht auf, der Konformität und Risikophobie Einhalt zu gebieten. Und das Leben ist nicht leicht für die Erfurter Politiker, die als Spielmacher immer wieder versuchen die Startup Szene künstlich strukturell zu potenzieren.

 

 

Und ganz zum Schluss: Ja! Den Beitrag kann man natürlich als over-engineered, generisch oder überspitzt betrachten. Aber ist es nicht auch das was Startups tun? Einen Schritt weiter Denken und einfach mal Machen…

 

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[1] Weitere Informationen: www.erfurt.ihk.de/service/existenzgruendung/Existenzgruendungsfoerderung

[2]„Informationen über Förderperioden“; Bundesland Thüringen 
www.efre-thueringen.de

[3] "Thüringer Gründer- und Unternehmerreport 2018“;S.26; ThEx 

www.thex.de/blog/gur-2018/

[4] Selbständigkeit nach Studium nur für 5% der Studierenden interessant - („Berufsabsicht und Gründungspotenzial: Thüringer Studierenden Befragung“; 2007; Haase & Lautenschläger) 
www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00008702

[5] „Thüringer Gründer- und Unternehmerreport 2018“;S.29; ThEx

https://www.thex.de/blog/gur-2018/

[6] „Informationen Förderrichtlinie – GFAW für Thüringen“; Bundesland Thüringen 
www.gfaw-thueringen.de/cms/;

[7]„Zusammenfassung Bevölkerungsprognose 2019: Landesamt für Statistik“; MDR Thüringen
  https://www.mdr.de/thueringen/bevoelkerung-entwicklung-thueringen-prognose-100.html/