K01worker

Auf ein Mars mit
 Lars

Liebe Freunde des Kombinats,

man sieht ihn nur selten. Ab und an kommt er braun gebrannt in die BĂŒros, um wenigstens ein bisschen nach Arbeit auszusehen. Offensichtlich verschwindet er in der Zwischenzeit in sagenumwobenen WĂ€ldern und Feldern. Lars Polten Wanderwelten bietet ein erstaunliches Programm, wir waren echt beeindruckt. Beim Interview hat er ĂŒbrigens nur aus dem Fenster geguckt. UnertrĂ€glich!

Lieber Lars, schön dass du pĂŒnktlich bist. Wie geht es dir? 

Jetzt gerade? Gemischt. Ich bin ganz schön mĂŒde und habe ordentliche KlĂŒsen!

KlĂŒsen? 

Dicke Augen. Ich habe dicke Augen, weil wir gestern gebraten und getrunken haben. Auch die NĂ€chte davor waren kurz. Bei den SonnenaufgĂ€ngen wollte ich draußen sein sehr frĂŒh. Heute hatte ich Angst, den Wecker zu ĂŒberhören.

Es ist 13 Uhr!! Hat dich da nicht schon der Zalando Lieferant der Untermieterin geweckt? (sehr witzig) Wie auch immer. Was machst du hier im Kombinat? 

Ich nutze das Kombinat, um ab und zu mal einen Tag am Rechner zu arbeiten. Mails zu verschicken, Post zu beantworten, BĂŒrokramscheiße eben. Gern schreibe ich meine Berichte ĂŒber die Wanderungen. Ich bin hier, weil ich meine Firma im GrĂŒnderzentrum gegrĂŒndet und entwickelt habe. Wenn es etwas zu klĂ€ren gibt fĂŒr mich, dann meistens hier.

Okay. ErzĂ€hl uns etwas ĂŒber deine Wanderungen. 

Also.. ich biete im Raum Jena und Umgebung gefĂŒhrte Wanderungen an. Mein Leben lang schon befasse ich mich theoretisch und praktisch mit dem „Bewegen im Naturraum“. Irgendwann habe ich diesen Traum hier im Kombinat mal vorgestellt und sie meinten, dass man daraus ein Produkt machen könnte. Es gab einiges, wovon ich keine Ahnung hatte, das hat man mir abgenommen. Dadurch konnte ich mich voll und ganz auf die relevanten Dinge konzentrieren. Ich muss raus in die Welt, ich muss mir Routen ausdenken, ĂŒberlege mir passende Aussichten, verschiedene Beanspruchungen und immer auch die eine interessante Anekdote fĂŒr jede Straßenecke. Bei mir geht es um jeden Naturraum. Das Urbane gehört da mit dazu.

Und wie lĂ€uft der Job so? 

Na ja
 Es geht nur Schritt fĂŒr Schritt. Leben kann ich davon nicht. Aktuell bin ich HIV-Aufstocker. Immerzu muss ich zum Amt und hoffen, dass ich so weiter machen kann. Das sind sowieso meine Lieblingsaufgaben!! Behörden beruhigen und Genehmigungen einholen. Teilweise muss ich von jedem Waldbesitzer eine Erlaubnis einholen! (Kannst du das bitte mal dick drucken?)

Klar. Wie bist du denn zu dieser Sache gekommen? Was hast du denn die 38 Jahre vorher gemacht? 

(schaut in seine Biografie, um sich selbst zu erinnern) Ich habe mal Augenoptiker gelernt hier in Jena. Habe danach ein freiwilliges ökologisches Jahr gemacht mit vielen Tieren, Ackerbau usw. Das hat mir Spaß gemacht und ich wollte eigentlich noch eine Ausbildung zum Landwirt machen. An der Stelle war ich dann im Kopf bei der Frage: Entweder bist du Knecht oder du machst dich selbstĂ€ndig in der Landwirtschaft. Aber auf diesen Haufen an Schulden hatte ich keine Lust. Das hat mir Respekt eingeflĂ¶ĂŸt. Schaut man sich an, wie die Bauern heute leben mĂŒssen, war das wohl die richtige Entscheidung. Ich wollte wandern gehen. Damals schon. Aber eine offizielle Walz als Wanderjahre fĂŒr Handwerker gab es fĂŒr Landwirte nicht in der Form. Also musste dann ich auf Initiative des Jobcenters einen Job in einem Callcenter annehmen, irgendwelchen Werbemist. Schon im FrĂŒhjahr habe ich hingeschmissen, bin rausgegangen und habe im Herbst dann ein Studium zum Kulturwissenschaftler begonnen, (Moment, mir wird schwindelig!) abgeschlossen und habe mir eine sehr interessante Perspektive dabei eröffnet. ErzĂ€hlforschung und Biografieforschung war genau das, was ich zu meinen Wanderungen brauchte, um sie als Produkt anbieten zu können.

Oh mein Gott, was ist das denn fĂŒr eine Abfahrt? 

WĂ€hrend des Studiums habe ich unheimlich viele qualitative Interviews gefĂŒhrt. Die liefen genau so ab, von der Struktur des GesprĂ€chs her, wie eine Wanderung mit einer Person. Man nimmt sich lange Zeit, braucht ewig bis man in den Kern einer Frage vorstĂ¶ĂŸt, hat dann aber auch die Zeit, diesen Ansatz 4 Stunden lang zu verfolgen. Und hinzu kommt, dass man an Orten, die einem gefallen, viel mehr bei sich selbst ist und dadurch auch eher bereit ist, etwas von sich preiszugeben. Es gibt keine Schranken, keine kĂŒnstlichen RĂ€ume. Man ist ein anderer Mensch draußen.

Was glaubst du, gibt es ZufĂ€lle? 

Ja, daran glaube ich. Es gibt eindeutig ZufĂ€lle. Wir Menschen sind hirnphysiologisch und -psychologisch so angelegt, dass wir alles in Zusammenhang bringen wollen. Damit erklĂ€ren wir uns die Welt um uns herum, die wir manchmal nicht verstehen. Wir erkennen den Zufall nicht und verpassen manchmal die tollen Momente, weil uns der Alltag und das Misstrauen gegenĂŒber der Zukunft die Wunder kaputt macht. Die Fragen in die Zukunft, alles Blödsinn. Sobald dann mal ein schöner Zufall auftritt, hackt unser Gehirn sich fest, kann nur noch starr stehenbleiben und wir kommen nicht weiter. Die Menschen sollen mal ihren Kopf ausschalten, das will ich ihnen manchmal zurufen. Es ist fĂŒr mich etwas Gutes, an ZufĂ€lle zu glauben. Sternschnuppen zum Beispiel. Jemand hat mal zu mir gesagt: „Manchmal sollte man sich einfach etwas vom Universum wĂŒnschen, dann geht es bestimmt in ErfĂŒllung.“

Okay, das mache ich. Ich weiß auch schon was! 

Ach ja? Und was?

Komm, iss dein Mars und frage mich hier nicht in meinem Privatleben aus! Was machst du denn die letzte Viertelstunde, bevor du ins Bett gehst? 

Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder liege ich bei meiner Tochter und schlafe mit ihr ein. Oder aber ich sitze im Hinterhof „mit die Leute“ zusammen. (sprachlicher Humor mitten am Tag)Meistens aber kuschle ich mich an meine Partnerin und atme tief. Das letzte, was ich tue, nehme ich mit in den Schlaf. Ganz einfach! Kann ich das so sagen?

SĂŒĂŸ! Ja kannst du! Hast du denn noch einen kleinen Tipp fĂŒr einen SelbstĂ€ndigen? 

FĂŒr mich geht es da nicht nur um die SelbstĂ€ndigkeit als Beruf. SelbstĂ€ndig sein bedeutet eigentlich nur fĂ€hig sein, Entscheidungen zu treffen. Wie im Leben sollte man sich auf vieles einlassen. Vor allem auf die Dinge, zu denen einen das Herz treibt. Probieren, anschauen, wieder weglassen wenn es nervt. Wenn man so an die Sachen heran geht, findet man wonach man sucht. Der eine mit 21, der andere mit 38 und Oma Marie vielleicht mit 83. Man spĂŒrt es. Man sollte im Beruf dann so viele Beratungsangebote wie möglich annehmen. Da kommt es auf die Menschen an, die einen inspirieren. Manchmal ist ein Satz von einer einzigen Person viel mehr wert, als drei Infotage oder sonstewas. Daran hĂ€lt man sich fest und fĂ€ngt irgendwann an zu glauben. Was ist los? Du bist so abwesend?

Sorry, ich habe gerade an jemanden denken mĂŒssen. Der mĂŒsste das hier mal lesen. Du machst es mir heute so schön einfach. 

Eigentlich bin ich aber auch fertig. Ich wollte nur noch sagen, dass ich hier im Kombinat auf Leute getroffen bin, die mir einen realistischen Blick auf mein Projekt ermöglicht haben, das ich im Endeffekt genau so umgesetzt habe. Das hat gepasst und ich bin sehr froh darĂŒber. Reich werde ich nicht, das steht fest. Aber vielleicht ist es mal ein Ziel mit jemand Reichem auf einer Wanderung 5 Stunden ĂŒber Reichtum zu reden. Vielleicht wendet sich da das Blatt am Ende sogar? Weißte es denn? (lacht)

Nee, ich weiß gar nichts. Merke ich jede Woche wieder hier. Lars, ich danke dir fĂŒr das GesprĂ€ch. Ein bisschen ÜberlĂ€nge, aber daran bist du Schuld. Alles Gute und viel Erfolg auf deinen Wanderungen. Ich komme garantiert mal mit. Darf ich jemanden mitbringen? 

NatĂŒrlich! Bring sie alle mit.

Na Mensch. Wir vom Kombinat haben soeben gemerkt, dass wir zu viel drin und dran sind. Einige sind schon los, um Funktionskleidung zu kaufen und feste Schuhe und alles, was bei vielleicht tödlichen Zeckenangriffen nötig ist. Lars wĂŒrde sagen: Ein schöner Mist. Geh nackig, es wird dir nichts passieren. Muss man sich halt mal nach Zecken absuchen.

Unsere Welt ist wieder ein StĂŒck grĂ¶ĂŸer seit heute und wir sind um eine Perspektive reicher. Lars hat seine Liebe gefunden und es war ihm immer klar. Den SchlĂ€ngelkurs hat er wohl jahrelang gerechtfertigt und nun grinst er von den HĂŒgeln um Jena auf die BĂŒros der Stadt. Folgt ihm ein Mal! Wir glauben, das hilft gegen alles.

Ein schönes Wochenende. Euer Kombinat.

Ps: Hier geht’s zu Seite von Lars…